Walter Gotschke Ich zeichne Autos, Es war Walter Gotschke, den die Wirren des Krieges . . . Gotschke raffte seine Aktentasche und seine Handschuhe zusammen . . . Und Walter Gotschke begann zu erzählen:. . . Und hier war Walter Gotschke in seinem Element . . . 1941 wurde Walter Gotschke zum Kriegsdienst eingezogen. . . . gelangte Gotschke nach Tirol . . . verließ der Bregenzer Gast Gotschkes kleines Dachzimmer . . . 1949 kehrte Walter Gotschke nach Stuttgart zurück . . . Walter Gotschke, dieser geniale Zeichner von internationalem Rang . . .

 In Memoriam
Walter Gotschke – Ich zeichne Autos
 Von Gerhild Drücker-Gotschke ©

Man schrieb das Jahr 1947.
In Bregenz, einer kleinen österreichischen Stadt am Bodensee,
hatte die zum zweiten Mal stattfindende »Festwoche« begonnen.
Hier, an diesem westlichsten Punkt Österreichs, wo sich der eidgenössische Wohlstand der neutral gebliebenen Schweiz mit dem gedrückten Lebensstandard eines durch den zweiten Weltkrieg heimgesuchten Landes berührte, konnten Festspielgäste einen etwa fünfunddreißigjährigen Mann bei einer eigentümlichen Beschäftigung beobachten.
In Kauerstellung umkreiste er parkende Personenwagen mit dem Zeichen CH und belauerte sie aus den merkwürdigsten Perspektiven. Diese Autos hatten alle eine einheitliche sie verbindende Eigenschaft:
es waren ausschließlich Amerikaner . . .
Vorbeischlendernde Passanten betrachteten ihn belustigt. Und als
er wieder so dahockte, mit zugekniffenem Auge die Chromleiste eines Cadillacs entlang spähend, konnte einer von ihnen nicht umhin, ihn
zu fragen: »Verzeihung  –  aber was tun Sie eigentlich hier?«
Der Angesprochene erhob sich, klopfte den Staub von seinem Trench- coat und antwortete kurz:
»Ich zeichne Autos.«
Es war Walter Gotschke, den die Wirren des Krieges in diese Gegend verschlagen hatten.
Er raffte seine Aktentasche und seine Handschuhe zusammen, die er
im Banne des Cadillacs auf den Asphalt geworfen hatte. Die beiden Männer wechselten einige Worte und tauschten ihre Adressen aus, und nach wenigen Tagen fanden sie sich in Gotschkes winzigem Atelier im Stubaital wieder. In einem Wust Papier erblickte der Besucher eine Fülle dynamischer Entwürfe, Autos in jeder Ansicht, eine Revue menschlicher Szenen, in denen immer ein Wagenmodell die Hauptrolle spielte.
Und Walter Gotschke begann zu erzählen:
Soweit er zurückdenken könne, immer habe er wie besessen gezeichnet. Seine ganze Kindheit sei vom Zeichnen erfüllt gewesen. Wo er ging
oder stand habe er gezeichnet.
Zuerst Tiere. Stehende, sitzende, springende . . . Pferde, Schafe, Ziegen, Hunde . . .
In seines Vaters Schmiede waren  – aus Ermangelung an Stiften
und Papier –  sämtliche zum Verkauf hergestellten Ackergeräte über und über mit Kreide bemalt; im Kindergarten und in der Schule sämtliche Papiere und Hefte bis ins letzte Eckchen hinein vollgekritzelt.
Ja, selbst Gartenzäunen und Strommasten sah man an, welchen Weg Klein-Gotschke gegangen war: Ein Kreidetier zierte sie.
»Als ich dann  – ich war etwa zehn Jahre alt –  zum erstenmal in meinem kleinen schlesischen (in der ehemaligen k.u.k Monarchie Österreich) Heimatdorf ein Auto stehen sah, da war ich einfach weg. Ich starrte dieses höchst unmoderne Ding wie verzaubert an – ich spitzte meinen Bleistift und von nun an füllten Autokritzeleien meine Schulhefte. Es war Autosuggestion im wahrsten Sinne des Wortes.«
Seine anfängliche kindliche Spielerei wurde zur Liebhaberei und mit der Zeit zur unbändigen Leidenschaft.
Aus weiter Ferne  – die berühmten Juneks mit ihren Bugatti-Siegen
aus dem nahegelegenen Prag waren gerade in aller Munde –  
drangen exotische Namen in sein entlegenes Dorf: Targa Florio –
Alfa Romeo – Maserati – Minoia – Brilli Peri – Monthlery – Delage – Divo – und so weiter . . .
Es trieb ihn in die Stadt, nach Brünn, um Architektur zu studieren,
in Wahrheit wohl, um dem Auto nahe zu sein. Er konnte nicht ahnen, wie bald schon vor den Toren dieser Stadt eines der schönsten Autorennen stattfinden würde. Auf Landstraßen, durch die Dörfer. Wie eine kleine Targa Florio oder Mille Miglia: der Große Masaryk-Preis.
Hier in Brünn als Architekturstudent erlebte er seine ersten heimatlichen Autorennen, und er war kaum siebzehn, als die Tagespresse 1929 seine Rennskizzen vom Ecce-Homo Bergrennen publizierte – die erste Veröffentlichung seines Lebens. Zwei Jahre später bereits kündigte den Großen Preis der Tschechoslowakei sein Straßenplakat an. Nun, mit neunzehn Jahren, hatte er überall Zutritt, konnte die gesamte Rennprominenz aus nächster Nähe beobachten und ihre Rennwagen in allen Perspektiven erfassen.
Der Große Masaryk-Preis der Tschechoslowakei bildete immer
den Abschluss der Saison und die gesamte Rennelite kam zum letzten Gefecht. Hier errang der junge Rosemeyer 1935 seinen ersten Grand Prix-Sieg, hier lernte er seine spätere Frau, die Fliegerin Elly Beinhorn, kennen und hier saß der Alfa Romeo-Fahrer Nuvolari als Gast erstmals in einem Auto Union für einige Testrunden.
Und hier war Walter Gotschke, der inzwischen sein Studium abgeschlossen hatte und den kein Mensch kannte, in seinem Element. Als er Anfang 1938 sein Land verließ, um in Deutschland zu arbeiten, hatte sich der ganze Modellwechsel der Rennwagen zweier Epochen
fest in seinem Gedächtnis eingebrannt. Auch kannte er Körperhaltung und Fahrstil eines jeden Rennfahrers ganz genau.
»Vor dem Krieg hatte ich das Glück, bei Daimler-Benz in Stuttgart als Grafiker beschäftigt zu werden«  fuhr Walter Gotschke fort.
»Es war eine interessante Aufgabe, nach den Blaupausen der Techniker die neuen Auto-Typen, bevor sie überhaupt auf den Markt kamen,
in verführerischer Schönheit und zugleich mit technischer Gewissen- haftigkeit dem Publikum vorzustellen.
Zu meinem Aufgabengebiet gehörte auch die Gestaltung der Werbe-
plakate von den großen internationalen Rennen. Diese Plakate wurden im Voraus gezeichnet und gedruckt, noch ehe der erste Motor auf
der Rennstrecke losheulte. Kaum war das Rennergebnis bekannt, wurde der den Sieg verkündende Text in einem raffinierten Verfahren eingedruckt und dem erfolgreichen Wagen seine Startnummer verpasst. So war es möglich, dass am nächsten Morgen schon die Mercedes- Siegerplakate mit der authentischen Wagenstartnummer in allen europäischen Hauptstädten von den Wänden leuchteten.«
Das Glück bei Daimler-Benz währte nur drei Jahre. 1941 wurde Walter Gotschke zum Kriegsdienst eingezogen. Als Pressezeichner begleitete
er im Osten ein Panzerregiment, wurde danach von General Guderian empfangen und auf der Stelle dabehalten. Bei den neuen Panzertruppen-schulen in der Nähe von Berlins erhielt er ein neues Wirkungsfeld.
Durch die Verlegung dieser Dienststelle kurz vor Ende des Krieges gelangte Gotschke nach Tirol in Österreich, das damals für einige Jahre dem Deutschen Reich angegliedert war.
1945, nach Kriegsende, war er kurze Zeit in amerikanischer Gefangen-schaft – »Man hätte nicht einmal in einer Felsspalte verschwinden können, sie fanden einen überall« – und anschließend verdiente er sich seinen Lebensunterhalt als Kuhhirte bei österreichischen Bauern.
Doch es dauerte nicht lange, da erschienen seine Kuh- und Bergskizzen in der »Tiroler Tageszeitung«  –  und schon hatte Daimler-Benz seine Fühler nach ihm ausgestreckt und ihn mit den ersten Werbezeichnungen beauftragt . . .
Beeindruckt verließ der Bregenzer Gast Gotschkes kleines Dach-
zimmer  –  und gleich am kommenden Wochenende konnten die Käufer der »Wochenpost« seinen Bericht über diesen ungewöhnlichen und faszinierenden Besuch im Stubaital lesen.
1949 kehrte Walter Gotschke nach Stuttgart zurück, wo er eine atemberaubende Produktivität entfaltete. Zwar war er jeweils einem Hause fest zugewandt, zunächst Mercedes in Stuttgart, später Ford
in Köln, so besaß er doch immer die Freiheit, auch anderweitig
tätig werden zu können. Das verband ihn mit Turin ebenso wie mit Detroit, London und Tokio.
Soweit es seine Termine erlaubten, besuchte er Autorennen,
um in Automagazinen zeichnerisch darüber zu berichten. Aus diesem Hobby ist sein letzter »Beruf« hervorgegangen, wo Aktuelles und Historisches bis zu den Anfängen des Automobils unter seiner Hand lebendig wurde und in der Motor Revue, in Quattroroute, Sports Illustrated, Road & Track, in Auto, Motor und Sport und anderen erschien. Und bis zuletzt gehörte er zu den ständigen Mitarbeitern des amerikanischen Luxusmagazins Automobile Quarterly. In ihm fand auch mit »Is your car an EGG or a POTATO?« seine Begeisterung für das amerikanische Autodesign seinen Abschluss.
1984 gerade vom Dallas Grand Prix zurück und im Begriff für das
Automobile Quarterly die Jubiläumsgeschichte »100 Jahre Mercedes« abzuschließen, begannen Sehstörungen sein rechtes Auge zu irritieren. Das linke war schon etliche Jahre zuvor durch einen leichten Schlag- anfall erblindet. Das folgende Jahr verbrachte er fast ganz in Kliniken, wo man sein Augenlicht nicht retten konnte. Seine letzten fünfzehn Lebensjahre verlebte er in völliger Blindheit auf dem Lande im Süden Deutschlands.
Walter Gotschke, dieser geniale Zeichner von internationalem Rang,
der auf seinem Gebiet weder Lehrer noch Vorbilder kannte und sich das Zeichnen und Malen selbst beibrachte, hatte sich, aus ländlicher Stille kommend wo es kaum Autos gab, ausgerechnet mit dem Auto einen Traumberuf geschaffen. In ländliche Stille zurückgekehrt, schloss er im Herbst 2000 für immer seine Augen.
Sein Oeuvre wird heute von seiner zweiten Ehefrau, Gerhild Drücker-Gotschke, verwaltet.
Viel Freude beim Stöbern unter www.gotschke-art.com

Wer noch mehr wissen möchte, findet hier eine ausführliche Walter Gotschke Biografie.


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